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Zurück zu den Wurzeln – Teil 1

Mein Ziehen in der Brust wurde immer stärker. Als ich hörte, dass mein Vater eine Herzoperation braucht, spürte ich sofort: Ich will meine Familie überraschen. Ich öffnete meinen Laptop und suchte nach günstigen Flügen. Doch kurz bevor ich auf Bezahlen drücken wollte, kam ein ganz klares Nein. Ein inneres Stoppsignal. „Die Zeit ist noch nicht reif“, hörte ich meine innere Stimme sagen.

«Die Zeit ist noch nicht reif»

Also legte ich die Idee, heimlich zurück in die Schweiz zu reisen, wieder zur Seite.

Ein paar Wochen später kam dieses Ziehen erneut. Diesmal tiefer. Drängender.
Und plötzlich wusste ich: Jetzt ist das Ja da.
Ich fand einen günstigen Flug für Ende Oktober.

Mein lieber Mann Leo sagte, ich solle unbedingt länger bleiben als zwei Wochen. Also buchte ich drei. Noch nie zuvor war ich länger als zwei Wochen von meiner Familie getrennt gewesen. Eine Woche in Kolumbien vor zwei Jahren. Zwei Wochen in Mexiko im letzten Jahr. Und nun drei ganze Wochen ohne meine Söhne, ohne meinen Mann, ohne unsere sechs Katzen und zwei Hunde. Es schien hart. Und doch spürte ich dieses innere Ziehen, das ich nicht ignorieren konnte.

Wir haben uns dieses Leben so erschaffen, dass solche Reisen nun möglich sind. Und die Dankbarkeit und Vorfreude stieg. Nach fast zwei Jahren durfte ich wieder zurück zu meinen Wurzeln reisen.

Als ich abreiste, fühlte ich eine innere Ruhe, wie ich sie noch nie gekannt hatte. Die ganze Reise war entspannt. Ich kam frühzeitig am Flughafen an. Alles fügte sich. Ich stieg ins Flugzeug und trotzdem lagen einige Ängste in meinem Gepäck.

Welche waren das?

Während des Flugs begann ich, sie zu betrachten. Die Angst, erkannt zu werden, jetzt, wo mich gefühlt die halbe Schweiz kennt. Und darunter verbargen sich alte Stimmen. Die Angst, ausgestossen zu werden. Die Angst, ausgelacht zu werden. Sogar die Angst verletzt zu werden.

Diese Ängste kamen mir bekannt vor.
Es waren die Ängste der kleinen Isabelle, aus der Schulzeit.
Die, die ausgelacht wurde.
Die, die ausgeschlossen wurde.

Doch heute bin ich erwachsen. Eine erwachsene Frau, die weiss, dass sie wählen kann!
Ich darf diese Ängste ehren, erkennen und dann zurück in die Quelle schicken.
In die Flamme der Transformation legen, damit sie sich wandeln dürfen.

Und was möchte ich statt der Ängste in mein Feld einladen?

Verbundenheit.
Freude darüber, in der Schweiz zu sein.
Halt, richtiger Zusammenhalt.
Liebevolle und freudvolle Begegnungen.
Das Gefühl, gewollt und gehalten zu sein.
Dass ich mich sehe.
Dass ich gesehen werden darf.
Und ich darf mich endlich selbst erkennen.

Als ich in Zürich landete, schaute ich besorgt hin und her, ob mich jemand erkennen oder ansprechen würde. Doch es geschah… nichts. Niemand sprach mich an. Niemand schenkte mir besondere Aufmerksamkeit.

Doch es geschah…nichts.

Vielleicht ist es die berühmte schweizerische Diskretion, dieses respektvolle Nichtsagen, dieses Raumlassen.
Oder vielleicht auch einfach die Art, wie viele Menschen hier unterwegs sind. Vertieft in ihre Gedanken, beschäftigt mit ihrer eigenen Welt.

Auf dem Weg zu der Familie meines Göttibuben wartete ich in Winterthur auf den Anschlusszug. Dort sah ich überall müde, bleiche Gesichter. Menschen in schwarzen Wintermänteln, erschöpft, leer, traurig.
Und ich, mit meinem roten Hut, stand wie ein einziger Farbtupfer in dieser grauen Masse.

Die Traurigkeit, die Müdigkeit, das innere Leersein der Menschen berührte mich tief.
Und plötzlich verstand ich wieder, weshalb die Schweiz für mich früher so unerträglich war. Dieses Getriebensein, dieses Unglücklichsein, dieses kalte Funktionieren. Mein System konnte das nie gut halten. Doch in diesem Moment entschied ich: „Ich bleibe jetzt in meinem Körper. Ich halte aus, was mich früher aus ihm hinausschweben liess.“

Ich sehnte mich plötzlich zurück nach Rio Negro. Nach dem saftigen Grün. Nach der warmen Erde. Nach der Süsse des Dschungelbodens. Nach der liebevollen Umarmung Pachamamas, die immer bereitsteht.

Und nun stand ich hier. In der grauen, kalten, nebligen Schweiz. Umgeben von schwarzen Mänteln und fahlen Gesichtern.

Als ich bei meinen Freunden ankam, wollte ich sofort wieder Erde spüren. Wirkliche Erde.
Ich rannte in ihren Garten, kniete mich nieder, küsste den Boden und dankte.
Dafür, dass ich wieder Einlass in die Schweiz bekam.
Dafür, dass ich heil angekommen war.
Dafür, dass alles gut gegangen ist.

Ich spürte, dieser Boden war vielleicht seit sehr, sehr langer Zeit nicht mehr geküsst worden.
Wie viele Menschen hier hatte auch die Erde eine etwas festere Haut, so als würde sie sich für den Winter wappnen.

Die Wärme, die Offenheit, die Weichheit, die ich aus Südamerika kenne, fühlt man im Schweizer Winter nur selten.
Im Sommer ja, da öffnen sich die Herzen leichter, wenn das Licht und die Wärme zurückkehren.

Im Winter jedoch wirkt vieles etwas stiller, geschützter, zurückhaltender.
Eine natürliche Rüstung gegen die Kälte, die manchmal auch das Innere ein wenig einhüllt.
Und so suchen viele vielleicht Halt im Tun, im Funktionieren, im Konsumieren, im sehr schnellen Rhythmus des Alltags.

Ich fuhr zu einer Freundin nach Konstanz. Auf dem Weg dorthin musste ich umsteigen, und ich hatte nur zwei Minuten Zeit.
In diesem Moment wurde mir bewusst, wie sehr sich mein innerer Rhythmus verändert hatte. Eine liebe Freundin aus der Schweiz fragte mich, ob ich auch eine Smartwatch besitze. Ich lächelte und antwortete: „Nein, ich habe nur eine Nature Watch.“

Der Rhythmus der Natur ist mir lieber. Er zeigt mir alles, was ich wissen muss.

Nach fast zwei Jahren im Rhythmus der Natur, wo alles seinen eigenen Takt hat, wo der Bus kommt, wenn er kommt, und wo niemand hetzt, spürte ich plötzlich, wie extrem schnell sich die Welt hier wieder anfühlt.

Diese Schweizer Präzision, diese enge Taktung, dieses Funktionieren im Minutenrhythmus. Es war mir auf einmal fremd. Und ich merkte, wie leicht mich das überfordern konnte, jetzt, da ich einen so anderen Lebensrhythmus in mir trage. Ich spürte, dass das Tempo hier noch schneller geworden war, seit wir vor zwei Jahren in die sanfte Langsamkeit gezogen sind.

Müde und traurig fiel ich ins Bett.
Ich schrieb meinem Meister.

Er antwortete mir: „Nein, wir sind nicht hier, um zu trauern. Wir giessen den Samen der Lebensfreude, den Samen von Kawsay.“

Und wieder einmal hatte er recht.
Ich habe die Wahl – immer.

In diesem Moment entschied ich mich, der Lebensfreude zu folgen.
Auch hier in der Schweiz. Auch mitten in all den Gefühlen, die mich überrollten.

Mitten in all der Schnelligkeit gibt es sie, die stillen Orte. Die Oasen der Langsamkeit.
Lila aus Ecuador formt sie mit Ton, Erde und Herz.
Ich durfte die Brücke sein zwischen ihr und Karin Stettler, und aus dieser Begegnung entstand ein Töpferkurs in der Schweiz, der zwei Kontinente miteinander verband.

Im zweiten Teil nehme ich euch mit in diesen magischen Raum und in weitere Überraschungen und Erlebnisse…

3 Gedanken zu „Zurück zu den Wurzeln – Teil 1“

  1. Liebe Isabelle
    Deine Beschreibung der Schweiz hast du so wunderbar in Worte gefasst, das Empfinden ausgedrückt, gepaart mit dem Verständnis, was dem zugrunde liegt… zeigt all das auf, was mich mit dir so sehr im Wesen verbindet (auch vom Werdegang deiner Geschichte).
    Deine Erzählung erleuchtet mir meine Liebe zu Indien.
    In tiefer Verbundenheit und Liebe, die besten Wünsche.. deine Tante Jacqueline

  2. Liebe Isabelle,
    danke dir von Herzen für deinen lebendigen Brief hier, deine Wurzeln von deiner Familie geben dir und Halt, Standhaftigkeit und Vertrauen wo immer du bist.
    Nun gilt es, überall Orte der Kraft, Lebendigkeit, der Heilung und Kreativität zu schaffen und zu erhalten und unsere Freude und unser wahres Sein darin zu erfahren und zu teilen.
    DIE MITTE DER WELT IST ÜBERALL.
    Danke dir v. Herzen 🌺🪷🪶🙏💖 dass du Lila Vasquez in mein Leben gebracht hast.
    Euch alles Liebi und FELIZ NAVIDAD.
    V. KARIN

  3. Liebe Isabelle
    Grandios, wie Du Deine Gefühle, Dein Innenleben an Dich heran lässt und wie Du die daraus entstehenden Prozesse wunderbar in Worte kleidest. Du öffnest mit Deinem Herz, die Herzen Deiner LeserInnen und so wird der Text nicht über den Kopf sondern direkt von Herz zu Herz erlebbar❣
    Vielen DANK DIR🙏🏻

    Dein Seelenbruder Bernardo

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